Donnerstag, 23. Januar 2014

Buch der Woche

Ente, Tod und Tulpe
Wolf Erlbruch

Ein Thema das in unserer westlichen Kultur angstbesetzt ist. Der Tod.
 
Irgendwann stellt jedoch jedes Kind die Frage nach dem Tod. Ganz unbefangen. Ebenso wie Kinder das Leben neugierig entdecken, stoßen sie auf das Sterben und erwarten und benötigen ehrliche Antworten. Alle Eltern wissen das und haben selten eine unbefangene Antwort parat. Dass es nicht immer leicht ist, sich diesen Fragen in einem Bereich, der uns selbst verunsichert und an Grenzen stoßen lässt, zu stellen, ist verständlich. Um Kinder mit ihren Fragen und ihrer Trauer jedoch nicht allein zu lassen, ist es umso wichtiger, auf diese einzugehen, Gefühle (mit-)zuteilen und zu begleiten.
 
In Wolf Erlbruchs "Ente, Tod und Tulpe" ist der Tod ein leichtfüßiger Begleiter, schon immer da, man merkt's nur nicht und eine hervorragende Lektüre, um sich dem Thema anzunähern. Wolf Erlbruch erzählt eine Geschichte vom Sterben, die für Kinder und Erwachsene je eigene Rezeptionsmöglichkeiten bereithält. Es wird eine einfache, auf zwei Figuren reduzierte Geschichte erzählt.
 
Eines Tages merkt die Ente, dass sie nicht allein ist: der Tod ist bei ihr. Er folgt ihr auf Schritt und Tritt, er behauptet sogar, schon ihr ganzes Leben bei ihr zu sein. Die Ente bekommt gehörigen Schreck. Aber dann spricht sie mit dem Tod, er erklärt ihr, wer er ist, und es stellt sich heraus: eigentlich ist er ganz nett. Er kommt auch nicht, um sie tot zu machen, denn „dafür sorgt schon das Leben“. Die beiden tun zusammen Entendinge, sie schwimmen, wärmen sich nachts und unterhalten sich darüber, wie die Ente sich das Totsein vorstellt. Und sie machen noch etwas Aufregendes. Und schließlich endet es, wie es enden muss, wenn der Tod einen schon eine Weile begleitet. Aber irgendwie ist das nicht mehr so schlimm.
 
Das Buch gibt keine Antworten und stellt keine Behauptungen auf, es folgt keiner Religion und fabuliert nicht irgendwelche Tröstlichkeiten herbei. Wir wissen hinterher immer noch nicht, ob die Ente in einen Entenhimmel kommt oder was mit ihr passiert. Aber der Tod ist der Ente zu einem Freund geworden, er ist die ganze Zeit bei ihr, er begleitet sie, spricht mit ihr, er hat sogar Humor, und am Ende schenkt er ihr seine Tulpe – die außer im Titel übrigens ausschließlich auf einigen Bildern auftaucht. Im Text wird sie kein einziges Mal erwähnt. Und die Bilder von Wolf Erlbruch sind mal wieder, wie die Bilder von Wolf Erlbruch eben sind: schlicht und wunderschön und irgendwie berührend.
 
Für Kinder werden die Ente und der Tod Freunde, die sich über das Sterben unterhalten und sich umeinander kümmern. Werden Kinder die bildliche Darstellung des Todes merkwürdig finden? Vermutlich nicht, denn der Tod ist kein Sensenmann, keine gruselige Kapuzengestalt. Der Tod, ein freundlicher Schädel, trägt einen hochgeschlossenen beige-karierten Mantel, der fast ein wenig an einen Schlafrock erinnert, und ein Paar dunkle Pantoffeln und Handschuhe. Außerdem hat er stets eine schwarze Tulpe dabei.
 
Kinder werden fragen, weil sie möglicherweise Sätze wörtlich nehmen: kann der Tod schleichen? Wieso hat die Ente ihn nicht gesehen, wenn er immer da war? Erwachsene verstehen die Bilder, die Erlbruch gefunden hat: der Tod ist nicht größer als die Ente, er passt zu ihr, er ist ihr Tod. Erwachsene die sich immer öfter bei Beerdigungen treffen, wissen plötzlich, das der Tod ihnen näher rückt, und auch für die nicht fassbare Vorstellung, dass die Welt für uns nur da ist, weil wir da sind, gibt es ein Bild: als die Ente ihren Teich von oben sieht, wird ihr ganz komisch, so ist er also, der Teich ohne Ente, einsam. Wenn die Ente zum Schluss den Tod bittet, sie zu wärmen, ihren Tod annimmt, lässt uns das innehalten – und dann blättert man von vorn.
 
Großartig, wie Erlbruch mit minimalen Änderungen in der Haltung und Mimik der Ente ihre Stimmungen sichtbar macht, fröhlich, nachdenklich, schnattrig, verwirrt. Toll die Konzentration auf Ente und Tod. Ein sehr gelungenes Buch.
 
Zum Autor:
Wolf Erlbruch, geboren 1948, studierte Grafik-Design und war als Illustrator in der Werbebranche tätig, bevor er Ende der 80er Jahre begann, Kinderbücher zu schreiben und zu illustrieren. Er ist Professor an der Bergischen Universität Wuppertal. Neben zahlreichen Auszeichnungen erhielt Wolf Erlbruch 2003 den Gutenbergpreis der Stadt Leipzig für sein Gesamtwerk und den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Peter Hammer Verlag erschienen u.a.: „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“
Ente, Tod und Tulpe, im Kunstmann Verlag 2010 erschienen.
 

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