Montag, 15. November 2010

Rezension: Erri De Luca: Der Tag vor dem Glück

Rezensentin: Fräulein S.

Erri De Luca: Der Tag vor dem Glück. Graf Verlag (ein Unternehmen der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin), 2010, Deutsche Erstausgabe, Preis: 16,95 €

Erri De Luca, der meistgelesene Autor Italiens, zeichnet in seinem Buch "Der Tag vor dem Glück" die Geschichte eines Waisenjungen nach, der in den Gassen Neapels erwachsen wird. Und ebenso ist es eine Hommage an seine Geburtsstadt im Schatten des Vesuvs und an ihre stolzen, kühnen Bewohner.
 
"Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große warten.“ (Pearl. S. Buck)
Erri De Lucas Waisenjunge gehört nicht dazu. Die Geschichte führt uns nach Neapel, Mitte der fünfziger Jahre. Der Tag vor dem Glück: Das ist der Tag, an dem der kleine Waisenjunge bei den Großen mitspielen darf. Es ist der Tag, an dem er unter einem alten Mietshaus ein Versteck voller Bücher entdeckt, in dem ein Jude den Krieg überlebte. Es ist ebenso der Tag, an dem er die geheimnisvolle Anna aus Kindertagen wiedertrifft. 
Diese einzelnen Ereignisse - "Tage vor dem Glück", fügen sich zehn Jahre später im "Sommer der Vertrautheit" zu einem farbenprächtigen und bedeutungsvollen Mosaik zusammen, in dem Lebensläufe und Erinnerungen in Momentaufnahmen zu einem Knoten verknüpft werden.

Don Gaetano, Portier in eben jenem Mietshaus, begleitet und unterrichtet den Waisenjungen in allen wichtigen Lektionen des Lebens und wird zum väterlichen Freund. Er weiß viel zu erzählen, von dem, was er über die Menschen weiß und von den Bewohnern des Mietshauses, von seinem Geschick, die Gedanken anderer zu lesen, und immer wieder vom Krieg und dem spontanen Aufstand des neapolitanischen Volkes gegen die Nazi-Besatzungsstreitkräfte. Don Gaetano, bringt ihm im "Sommer der Vertrautheit" nicht nur das Kartenspiel bei, sondern auch, wie man in einer Stadt überlebt und liebt. Glück und Kummer liegen so nah beieinander... - „Das war der Tag des Glücks gewesen, der schrecklichste meines kleinen Lebens.“.

Erri De Lucca bedient sich einer einfachen, reduzierten, sehr genauen Beschreibung und ungetrübten Wortwahl und ermöglicht damit dem Leser, dem Leben der beschriebenen Zeit nachzuspüren. 
Glänzend schön und transparent beschreibt Erri De Luca die Atmosphäre Neapels und die Eigenarten der Akteure. „Im Sommer stehe ich früh auf, ich gehe mit dem Kescher zu den Klippen von Sant Lucia, um Seeigel zu fangen und, wenn ich Glück habe, vielleicht einen Kraken. Ich bleibe ein paar Stunden, bevor die Sonne hinter dem Rücken des Vulkans aufsteigt. Aus den Klubs kommen die Herrschaften, die nach einem nächtlichen Fest heimkehren. In ihren Abendkleidern dem ersten Sonnenlicht ausgesetzt, eilen sie zurück ins Dunkel ihrer Häuser, wie Fledermäuse, sie sich verspätet haben.“ 
Erri De Luca weiß Geschichten zu erzählen und beherrscht sein Schreibhandwerk ausgesprochen gut. Eine vergangen Zeit und hier erscheint sie noch einmal neu. Und am Ende der Lektüre fragt man sich, … ist nicht jeder Tag, der Tag vor dem Glück...?


Es ist ein empfehlenswertes Buch, auch wenn es möglicherweise dem einen oder anderen Leser (wie beispielsweise mir) Kopfschmerzen bereiten könnte. Es fiel mir anfangs schwer, mich sprachlich voll und ganz auf die (übersetzte) italienische Gemeinsprache einzulassen. Es sind einzelne Satzkonstruktionen und Wortformulierungen, die mein Sprachgefühl irritieren und von dem teilweise abweichen (Bsp.: „Nachmittags bin ich mit Don Gaetano zuschauen gegangen, wie...“, „Er eilte gleich zu Hilfe, das war seine Antwort.“). Beim Lesen des Buches, sollte man sich Zeit nehmen, um die Besonderheit und Feinheit der Guelliments nicht zu übersehen. Hat man das Prinzip verstanden, fällt es einem schon viel leichter, Dialogen zu folgen. Direkte Reden die mit doppelten, spitzen Anführungszeichen rechts und links gekennzeichnet sind, läuten Dialoge im Präsens - im „Jetzt“ der Erzählung ein. Anführungszeichen, mit einfachen, spitzen Anführungszeichen linke und rechts dokumentieren Dialoge in der Vergangenheit (>>... <<, >... <). Eine kleines ungewohntes typographisches Geschenk. Ich danke.
Erri (Enrico) De Luca wurde 1950 in Neapel geboren. Erst im Alter von 39 Jahren veröffentlicht er 1989 sein erstes Buch Non ora, non qui – (Nicht hier und nicht jetzt). Zuvor arbeitete er in zahlreichen Berufen in und außerhalb Italiens, wie beispielsweise als Facharbeiter bei Fiat, als Kraftfahrer, Lagerist und Maurer. Zwischen den Jahren 1994 und 2002 erhielt er einige Auszeichnungen in Frankreich: 1994 den Prix France Culture für Aceto, arcobaleno, 2000 den Prix Laure Bataillon für Tre Cavalli und 2002 den Prix Femina Ètranger für Montedidio. Der Tag vor dem Glück wurde 2010 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.
Übersetzt wurde "Der Tag vor dem Glück" von Annette Kopetzki. Sie wurde 1954 in Hamburg geboren und lehrte an den Universitäten Rom und Pescara. Sie zählt zu den renommiertesten Übersetzerinnen aus dem Italienischen.

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